sábado, 6 de diciembre de 2008

VISUM

VISUM




Als Mexikaner_in legal in die Vereinigten Staaten einzureisen, ist kompliziert, kostspielig und diskriminierend. Doña Olga (meine Chefin und Ersatzmama) bekommt naechsten April den Unsung Heroes Award of Compassion des Dalai Lama in San Francisco verliehen. Sie hatte zwar schon mal ein Visum fuer die USA, aber das ist abgelaufen.


Zunaechst einmal muss man auf das Konto der US-amerikanischen Botschaft 150 Dollar einzahlen, um ueberhaupt einen Interviewtermin zu bekommen. Erste Diskriminierung: kein Geld, kein Interviewtermin. Dann ist es pro Person eine mind. einstuendige Prozedur, sich durch saemtliche Antragsformulare der Botschafts-Homepage durchzuarbeiten. Von Geburtsdatum ueber Steuerkartennummer zu Namen der Kinder. Inklusive daemlicher Fragen wie: „Waren Sie jemals Mitglied bei Al Quaida?“ und „Sind Sie jemals in die USA eingereist, um ein terroristisches Attentat auszufuehren?“. Dann darf man sich endlich einen Termin aussuchen und ein Ticket nach Mexiko Stadt kaufen. Ich selbst fand es ganz schoen anstrengend und muehevoll, mich fuer Doña Olga und ihren Mann da durchzuarbeiten, und ich bezweifele, dass jemand ohne viel Internetkenntnisse das hinkriegen koennte. Zweite Diskriminierung: wer nicht ausreichend Schulbildung mitbringt, kommt schon mal nicht in die Botschaft.


Doña Olga und Don Jordan sind gluecklich zurueckgekehrt.
(Allerdings ohne Visum in der Hand, denn das muss man einen Monat spaeter in der Hauptstadt des Bundesstaates im Konsulat abholen, noch eine Reise, noch mal Kosten...) Doña Olga hatte ja schon ein bisschen Erfahrung von ihrem frueheren Interviewtermin, so dass sie wusste, dass man so frueh wie moeglich auf der Matte stehen muss. Ihr Termin war um 10.30 Uhr, und als sie um 8 Uhr ankamen, waren schon 600 Leute da. In der Wartezeit konnten sie viel beobachten. Ein junger Mann wollte in sein Antragsformular schreiben, dass seine Mutter in den USA lebt. Doña Olga sagte, tu das nicht, wenn du Verwandte hast, lassen sie dich nicht rein, denn sie nehmen an, dass du bleibe willst. Viele Menschen verliessen verzweifelt und sogar wuetend das Interviewzimmer. Eine junge Frau weinte, denn ihr gesamte Familie bekam ein Visum, sie aber nicht. (Eine Freundin von mir ist Fotografin und wohnt in Satelite, einem der fettesten Stadtteil von Mexiko Stadt. Sie durfte nicht auf ihre eigene Ausstellung in die USA reisen, da angenommen wurde, sie koennte bleiben, als selbstaendige junge Singlefrau.)


Das Interview ist wie ein Verhoer aufgebaut, ernste Gesichter, Fragenstakkato, „Ja oder nein?“. Doña Olga wurde in Ruhe gelassen ab dem Punkt, als klar war, dass die Herberge ihr gehoert. Wer Besitz vorweisen kann, ist auf der Seite der Gewinner und hat Reisefreiheit. Jedenfalls fuer die naechsten fuenf Jahre darf Doña Olga in die USA, wann sie will. Nur die wenigsten, die interviewt werden, bekommen wirklich ein Visum. Allerdings: wird JEDER VOR dem Interview erkennungsdienstlich erfasst, bekommt Fingerabdruecke aller Finger abgenommen, wird von allen Seiten biometrisch fotografiert, saemtliche Personendaten werden gespeichert. D.h. die USA legt schon mal ein Personenregister an von allen potentiellen illegalisierten Einwanderern, die man eventuell spaeter mal in Riverside Downtown aufgreifen koennte. Und die Betroffenen duerfen das auch noch selbst bezahlen. Das gelobte Land stinkt.


Dass das traurigerweise schon immer so war, koennt ihr uebrigens in einem schoenen Film sehen. „Golden Door“ (oder „Nuovomondo“ im italienischen Original) erzaehlt die Geschichte einer italienischen Bauernfamilie und einer britischen Abenteurerin, die nach langer Ueberfahrt in Ellis Island stranden: dem Auslesealbtraum des 19. Jahrhunderts.

Fotos: Ciudad Juárez, Mexico, Grenze zu El Paso, Texas. Grenzsozialforum 2006.

miércoles, 26 de noviembre de 2008

Haeusliche Gewalt

HAEUSLICHE GEWALT


Lieber Robert! Das ist Robert(o).
Wann kommst du ihn -und mich- besuchen?!


Vicky ist in Tijuana aufgewachsen, deshalb hat sie keine Familia hier in Tapachula. Nur einen Ehemann, der sie immer wieder gruñe und blau schlaegt. Sie hat schon einmal ein halbes Jahr bei uns in der Herberge gewohnt, als sie noch mit Roberto, ihrem juengsten Sohn von acht Geschwistern, schwanger war. Ihr Mann holt sie dann immer wieder ab, wenn alle Wunden verheilt sind, und sie gluecklich ob seiner Liebesbezeugungen mit ihm von dannen zieht.

Solche Geschichten sind immer viel furchtbarer als die reinen “Krankenheitsfaelle”, auch wenn das vielleicht komisch klingen mag. Aber selbst bei einer Amputation kann man jemanden wieder soweit “aufbauen”, dass er/sie den Schock irgendwann ueberstanden hat und gluecklich sein/ihr Leben weiterlebt. Aber wenn es um haeusliche Gewalt geht, sieht das ganze viel komplizierter aus und es gibt irgendwie keine Loesung. Wenn es Frauen trifft, die ein halbwegs gesundes Selbstbewusstsein haben, das aus einer gluecklichen Kindheit in heiler Familie resultiert, dann trennen sie sich spaetestens nach einem Rippenbruch von ihrem gewalttaetigen Ehemann oder Freund.

Aber wenn eine Frau von kindauf nur Lieblosigkeit, verbale und psychische Gewalt und sogar noch Missbrauch erlebt hat, hat sie meistens keinen gesunden Selbstschutz mit auf den Weg gekriegt, und ist furchtbar leicht manipulierbar: “Die Schlaege hast du verdient”, “Dein Benehmen bringt mich aus der Fassung, das bist du selber schuld”, “Wo willst du denn hin? Keiner ausser mir will dich!”, “Du bist nichts wert, sei froh, dass ich mich deiner erbarme!”, “Du kannst gehn, keiner haelt dich auf, aber die Kinder nimmst du nicht mit.”, etc. etc. hoeren sich diese Frauen taeglich an und haben leider nie was anderes gehoert. Und dann ist es ein ewiges Hin- und her aus Schlaegen und Liebesschwueren, was ja auch auf Dauer ein Klima schafft, in dem frau nur bekloppt werden kann, wenn sie nie weiss, was kommt jetzt? Kann ich ihm vertrauen oder sollte ich die Beine in die Hand nehmen?…



Jetzt ist Vicky erneut hier, und ich bin am ueberlegen, an welche Institution wir uns wenden koennen. Wenn wir auf die normale Bullenstation gehen, beachten sie uns eventuell soweit, dass sie missmutig die erneute Anzeige aufnehmen – falls Vicky es nervlich ueberhaupt durchhaelt, ihren Mann anzuzeigen, sie ist mittlerweile psychisch mehr als labil. Dann hat sich´s damit aber auch schon, und wenn wir auf tatsaechliche Ermittlungen aus sind, muessten wir selbst die Zeugen zusammen suchen. Aber die Nachbarn haben alle Angst, denn der Typ ist als versoffener Schlaeger bekannt. Meine Lieblingskollegin Doris, knallharte alleinerziehende Mutter dreier Toechter, sagt: “So ein Scheiss. Warum trennt sie sich nicht, fuer Kinder kann frau auch alleine sorgen!”, aber Vicky hat null Selbstvertrauen, und kann nicht mal ihren Namen schreiben, wo soll sie einen Job suchen?

Hm, ich hoffe, in diesem Fall findet sich irgendwann mal eine Loesung, ich bleibe welter auf der Suche nach frauenspezifischen Justizbehoerden mit integraler Betreuung fuer Frauen, die Opfer von haeuslicher Gewalt sind… (von den verwahrlosten Kids ohne Zukunft an dieser Stelle mal ganz zu schweigen…) und fahr derweilen Mario zum Anpassen seiner Prothese. Leichteste Aufgabe!

jueves, 6 de noviembre de 2008

AUF DURCHREISE

AUF DURCHREISE






“Warum sind Sie illegal ins Land gekommen?”
“Weil ich nicht an die Legalitaet glaube. Und da wir nun
schon mal dabei sind, an Grenzen glaube ich auch nicht.
Zwischen Mexiko und Guatemala gab es keinen Unterschied.
Von einem Baum zum naechsten im Urwald, und das war’s.
Auch die Baeume erkennen keine Grenzen an.”
“Die Baeume koennen wir nicht ausweisen.”
“Umso besser fuer sie.”
“Und was haben Sie in Mexiko gemacht?”
“Ich war auf der Durchreise.”
“Auf Durchreise?”
“Auf Durchreise.”
“Auf der Durchreise wohin?”
“Das werden Sie mir schon sagen…”






Dieses, wie ich finde, sehr generell gueltige Zitat zu Reise und Migration, Mobilitaet und Kontrolle habe ich aus dem Roman von Paco Ignacio Taibo II “Auf Durchreise” (“De Paso”) entnommen.

Das Buch hat nicht direkt etwas mit Migration zu tun, sondern ist eine fuer Taibo II so wunderbar typische literarische Aufarbeitung von politischer Geschichte und erzaehlt vom anarcho-syndikalistischen Aktivisten San Vincente im Mexiko der 20er Jahre. Ich finde ueberhaupt alle Buecher von Taibo II mehr als lesenswert und lege sie euch hiermit ans Herz…

Die Bilder habe ich letzten Monat auf der Zugroute zwischen Arriaga, Chiapas, und Ixtepec, Oaxaca, aufgenommen, und sie zeigen die Menschen, die hier aktuell auf der Durchreise bzw. hoffentlich mittlerweile schon angekommen sind.

lunes, 20 de octubre de 2008

MILITARISIERUNG MEXIKOS

FORO SOCIAL DE LAS AMERICAS

Heute gibt es mal einen kleinen poltischen Exkurs…

Um nicht den Ueberblick zu verlieren, was auf dem Kontinent so vor sich geht, und welche Auswirkungen es auf die Situation an der Suedgrenze Mexikos hat, war ich am Wochenende auf dem Sozialforum in Guatemala, das in der Tradition der Weltsozialforen von Porto Alegre steht. Es waren nur ein paar Tausend Leute da; auf dem Forum in Atlanta/USA waren es immerhin 20.000, aber wenn man bedenkt, dass hier in der Region die Akteur_innen der Zivilgesellschaft ein bisschen weniger Geld haben, um zu Polit-Treffen zu reisen, war es schon gut besucht.

Schoen & kaempferisch war auf jeden Fall die Abschlussdemo am 12. Oktober, dem “Día de la Raza”; dem Jahrestag, an dem Columbus mit seinem goldgeilen Soeldertrupp den Kontinent erreichte und der den Anfang von einigen hundert Jahren Ausbeutung Lateinamerikas zugunsten der Alten und bald auch der Neuen Welt bildet. Das rassistische Klassensystem, das die Spanier aufstellten, zieht sich leider ebenfalls bis heute durch die Gesellschaft und kann in jeder Werbung und telenovela abgerufen werden: weisse Haut & europaeische Gesichtszuege = Chancen auf Geld, Job, Karriere, dunkle Haut und indigene Gesichtszuege = keine Chancen auf gar nichts.




















Was die Analysen der politischen und wirtschaftlichen Prozesse auf dem Kontinent angeht, hab ich das Forum stellenweise als ganz schoen deprimierend empfunden. So platt und anti-antideutsch es klingen mag, aber leider trifft in Lateinamerika immer wieder zu: Alles Schlechte kommt aus den USA; dem Land mit einer immer noch fast absoluten wirtschaftlichen und politischen Macht, dank Chávez und Morales nicht mehr unbedingt in Suedamerika, aber im mesoamerikanischen Raum (Mexiko bis Panama) auf jeden Fall. So wird die US-initiierte “Initiative Mérida”, in den naechsten drei Jahren zu einer Militarisierung der Karibik, Zentralamerikas und, vor allem, Mexikos fuehren. Die Vereinigten Staaten haben einen Finanzplan von 1.4 Mio. Dollar verabschiedet, die den genannten Laendern zur Verfuegung stehen sollen, um Militaer und Polizei hochzuruesten. Damit sollen, ihr ahnt es, “Drogenhandel und Terrorismus” in die Schranken gewiesen und “Innere Sicherheit” gewaehrleistet werden.

Fuer Mexiko gibt es den “Plan México” und 400.000 Dollar pro Jahr. Damit wird Mexiko, genau wie Kolumbien vor ein paar Jahren mit dem “Plan Colombia”, politisch fuer bankrott erklaert. Die Hilfe vom Big Brother USA muss her, um das Land vom Drogenhandel zu befreien. Es ist gewiss richtig, dass in Mexiko nichts geht ohne den Drogenhandel, nur leider ist Praesident Felipe Calderón da ganz offensichtlich dick drin verstrickt, und es macht wenig Sinn, ihn als Gefaehrten im Kampf gegen organisierte Kriminalitaet zu nehmen. Und das Militaer auszubauen ist ebenfalls eine Farce, denn die Militaerstrukturen sind eine der besten Drogenhandelsnetze ueberhaupt im Land; die Zetas, eine der groessten Drogenhaendlergruppen Mexikos sind allesamt Ex-Militaers.

Wie auch der Plan Colombia einfach gar nichts gebracht hat ausser Gewalt und Chaos (denn schliesslich konsumieren die Amis ja das Koks und die USA hat einen gewaltigen Drogenmarkt, der versorgt werden will), ist auch vom Plan México ueberhaupt nichts Gutes zu erwarten. Eine Militarisierung des Landes, und das zeigt die Geschichte und Gegenwart aller Laender Lateinamerikas, hat immer das selbe zur Folge: eine erhoehte Repression gegenueber sozialen Bewegungen, sprich Menschenrechtsverletzungen gegen marginalisierte Gruppen im Allgemeinen und Aktivist_innen & Gewerkschafter_innen, die deren Rechte vertreten, im Speziellen.

Das hat zur Folge, dass das Ungleichgewicht zwischen Arm und Reich und die damit einhergehende ungleiche rechtliche Vertretung, Zugang zum Bildungssystem und Gesundheitsversorung, etc. auch zivilgesellschaftlich nicht aufgefangen werden kann. Hinzu kommt die stete Gefahr eines Militaerputsches bei starkem politischen Einfluss von per se machtgierigen und kaltbluetigen Generaelen. “In Lateinamerika kommt es nur zur Etablierung demokratischer Systeme, wenn das Militaer gerade zu behaebig ist, um sie auszuhebeln.”, sagte ein guatemaltekischer Intellektueller auf dem Forum.


















Felipe Calderón hat von Anfang an seine Praesidentschaft dazu genutzt, die Macht des Militaers im Staat voranzutreiben, und er hat in Atenco und Oaxaca, in Chiapas sowieso, und eben gerade in Morelia soziale Proteste mit uebertriebenen Polizei- und Militaereinsaetzen niederschlagen lassen, bei denen viele Aktivist_innen gefoltert und und weggesperrt wurden. “Innere Sicherheit” wird aus dem Plan México ganz gewiss nicht erfolgen; jedenfalls nicht fuer die breite Masse der Bevoelkerung, ganz im Gegenteil…

Was die Migrant_innen im Speziellen angeht, so werden sie in Folge des Plan México mit noch mehr Kontrollen auf den Landstrassen rechnen muessen und mit Raeubern, die mit schnellen Autos und neuen Waffen ausgeruestet und sich ihrer Straflosigkeit gewiss sind: mind. die Haelfte aller Ueberfaelle auf Migrant_innen werden in Mexiko von Polizeifunktionaeren und Militaerangehoerigen veruebt, die immer haeufiger werdenen Entfuehrungen, bei denen Geld von den Verwandten der Migrant_innen in den USA erpresst wird, werden von den Zetas, den oben erwaehnten Ex-Militaers veruebt.

Alles in allem also keine guten Aussichten :-(

martes, 7 de octubre de 2008

NACH NORDEN

NACH NORDEN

Hola Hermana Lilian! Esa foto es especialmente para ti de parte de Juan! Muchos saludos de él :-) Ya está nuevamente en camino a EEUU junto con un amigo. Estuvieron solamente de paso aquí en el albergue. También hay nuevas fotos en la galería de la página web, para que la checas siempre :-)


Juan (Foto links) ist einer von vielen jungen Migranten, die immer wieder in die Herberge zurueckkehren. Vor vier Jahren erlitt er einen Zugunfall, bei dem sein rechter Fuss verkrueppelt wurde. Drei Jahre lang lief er auf Kruecken. Als er Anfang des Jahres erneut in die Herberge kam, nahm er allen Mut zusammen, angesichts der Migranten, die mit Prothesen (unter weiten Jeans leicht hinkend) durch die Gegend laufen, arbeiten, Sachen tragen... Er entschloss sich, sich den verkrueppelten Fuss, den er nicht mehr richtig aufsetzen konnte, abnehmen zu lassen. Ein wahnsinnig mutiger Entschluss, aber Juan hatte keine Lust mehr, sein Leben lang auf Kruecken angewiesen zu sein.

Er blieb die erste Haelfte des Jahres in der Herberge. waehrend der Stumpf langsam verheilte, lernte er auf seinem Bett lesen und schreiben. Des Weiteren lernte er Onoria kennen, eine andere Migrantin aus Honduras (der tapachultekische Polizisten bei einem Ueberfall aus lauter Sadismus das Bein brachen), und arbeitete in dem Kiosk der Herberge vor dem Hospital. Die taegliche Fahrt zur Arbeit mit mir nutzte Juan systematisch, um sich englische Vokabeln und Saetze einzupraegen. Als er seine Prothese bekam, machte er sich mit Onoria auf eine abenteuerliche Reise Richtung Norden. Er schaffte es nach mehreren Versuchen bis Arizona, aber wurde leider wieder abgeschoben.

Jetzt war Juan erneut in der Herberge, ein kleiner Zwischenstopp auf dem Weg Richtung USA. Mit Onoria ist er nicht mehr zusammen, aber sie sind als Freunde auseinander gegangen. Sie wollte zurueck zu ihren Kindern nach Honduras. Juan ist mit einem Freund unterwegs. Fuer Schwester Lilian, die ihn als Krankenschwester der Herberge wochenlang begleitete, um seine Prothese anzupassen, ist dieses Foto. Die beiden posieren vor einem Foto des tapachultekischen Fotografen und Menschenrechtsaktivisten Juan de Dios Garcia Davish. Juan und sein Freund wollen allerdings versuchen, die Reise mit dem Zug zu umgehen und mit Bussen an die Nordgrenze zu gelangen, auch wenn dies viele Kontrollen auf dem Weg beinhaltet. Hoffentlich schaffen sie es und rufen aus den USA an...
(eine Prothese, Material + Anfertigung, kostet uebrigens, je nachdem, ob die Amputation unter- oder oberhalb des Knies ist, ca. 2000-3000 Dollar. Scheisse teuer.)





miércoles, 24 de septiembre de 2008

DIE BOXERIN

Liebe Freundinnen & Freunde des Dojos!

Hier kommt ein blog fuer euch! :-) Ein bisschen lustiger, als die sonstigen Sachen, aber auch nicht richtig schmerzfrei...

Letzte Woche haben mich zwei Freundinnen von mir in der Herberge besucht, Gisel und Lorena, die beide in Tapachula wohnen, aber die Herberge bisher nicht kannten. Gisel hat auch gleich noch ihren Vater mitgebracht, der selbst Arzt ist, und mich ihm begeistert als ihre Wrestling-Freundin vorgestellt. Wie alle Besucher_innen, habe ich die drei durch die Herberge gefuehrt, ihnen Schlafraeume, Kueche, Praxis, Schule, Naehwerkstatt, etc. gezeigt und sie einzelnen Migrant_innen vorgestellt, z.B. Mario, von dem ihr im vorigen Blog lesen koennt. Dann wollten wir langsam zurueck Richtung Ausgang, als Dimas, ein kleiner Bandenangehoeriger, der im Rollstuhl sitzt und stets erfrischend direkt mit Forderungen ist, uns ruebergewunken hat: "He! Hier sind auch noch Kranke! Die muesst ihr auch besuchen!"



Also sind wir lachend zu ihm hin, und Gisel hat sich mit ihm ueber die Herkunft seines Namens unterhalten. Waehrenddessen fragt mich ihr Vater: "Und was ist mit ihm passiert?". Da ich ja noch nicht lang wieder hier bin und die meiste Zeit fiebrig Projektantraege am Computer schreibe, konnte ich ihm das gar nicht beantworten, und meinte: "Fragen wir ihn doch. Hey Dimas, warum sitzt du eigentlich im Rollstuhl?" - Und Dimas: "Ich wurde von einer Boxerin niedergeschlagen." - Drei Augenpaare richten sich augenblicklich auf mich. - Ich: "Oh... Oh! Das war ich nicht!" - Dimas erzaehlt waehrenddessen unbeeindruckt weiter, von einer Boxerin, die eine gute Freundin war und ihn in einen Nachtclub abgeschleppt hat... - Gisel: "Kathrin!" -Lorena:"Kathrin!" - Ich: "Ich weiss, das liegt jetzt nahe, aber ich war´s nicht!" ...und er sie kuessen wollte, und sie ihn zusammengeschlagen hat, und da der Untergrund nass war, er hintenueber mit der Wirbelsaeule auf einen Mauervorsprung gestuerzt ist. Gisels Vater: "Oh, dann war das ja bestimmt eine grosse Frau." - Dimas: "Jaja, ganz schoen gross!" - Gisels Vater, auf mich weisend: "Ah, so wie sie hier?" - Dimas: "Jaja, genau so gross!" Gisels Vater weicht langsam hinter seine Tochter zurueck. - Ich: "Also, ich war´s wirklich nicht!" - Dimas: "...ich hatte keine Chance; ausserdem hatte sie mich ja gezwungen, mit ihr zu trinken." - Gisel: "Kathrin!" - Lorena: "Kathrin!" - Ich: "Ich schwoere, ich war's wirklich nicht!" - Gisels Vater , mit vielsagendem Seitenblick auf mich: "Sowas. Und sie war eine Freundin?" - Dimas: "Ja, wir haben uns echt gut verstanden, und ich glaube, dass sie mich auch liebt... Noch immer liebt. Das spuehr ich", und greift sich dramatisch zur Brust. - Gisel: "Ach, Kathrin!" - Lorena: "Mensch, Kathrin." - Ich: "Ich war's doch nicht!" - Gisels Vater schiebt seine Tochter jetzt ganz zwischen uns...

--- Jaa, lustige und auch sehr tragische Geschichte, oder?
Was lernen wir daraus: Don´t mess around with female boxers!
Aber ich war´s uebrigens wirklich nicht. Auch wenn mein Ruf brachial gefestigt ist, und Geruechte in Tapachula herumwabern von meinen zu Krueppeln geschlagenen Ex-Freunden... Also liebe Gruesse, trainiert schoen & boxt niemanden in den Rollstuhl!

jueves, 18 de septiembre de 2008

SPENDEN



Meine lieben Verwandten!

Im September 2008 habe ich von euren Spenden verschiedene Samen gekauft, um einen Gemuesegarten hinter der Herberge anzulegen: Tomaten, Chilis, Zwiebeln, Karrotten, Zuccini, Radieschen, Rettich, Kreuzkuemmel (hier Zutat in jeder Guacamole und anderen Gerichten), Spinat und Erbsen. Damit werden wir den Speiseplan der Herberge anreichern. Im Allgemeinen versuchen wir, mehr und mehr autark und nachhaltig zu wirtschaften, um die Loehne des Teams und die Kosten fuer die Patient_innen in Zukunft eigenstaendig tragen zu koennen. Dafuer arbeiten wir an allen Ecken und Enden, in der Schneiderwerkstatt, zwei Kiosken vor dem Krankenhaus und im Abschiebegefaengnis und hoffentlich bald auch in der neu eingerichteten Baeckerei.

Ausserdem habe ich diesen Monat ein paar Migranten von eurem Geld ermoeglicht, bei ihren Familien anzurufen. Mario (19 Jahre alt, aus Honduras) ist gerade erst in der Herberge angekommen und hat vor drei Wochen seinen linken Fuss bei einem Zugunfall verloren. Er hat 12 Geschwister und lebt mit seiner Familie auf dem Land. Seine Eltern haben ihm gesagt, dass, wenn er es nicht schafft, bis in die USA zu kommen, er auf jeden Fall zu ihnen zurueckkommen soll. Das ist leider nicht selbstverstaendlich; viele Migrant_innen scheitern auf ihrem tausende Kilometer weiten Weg durch Mexiko, und schaemen sich dann, mit leeren Haenden zurueckzukehren: immerhin haben es ja viele schon gschafft, warum also nicht sie? Aber es ist ein tagtaegliches Gluecksspiel, ein paar kommen durch, die Mehrheit wird wieder und wieder abgeschoben.

Donar (27, Honduras) ist schon seit einigen Jahen in der Herberge. Er verlor beide Beine bei einem Zugunfall. Seine Familie wohnt 8 Stunden Fussmarsch von der naechsten Strasse entfernt. Mit Rollstuhl oder selbst Prothesen koennte er nicht zu ihnen gelangen. Da die Migrant_innen mit Gueterzuegen reisen muessen, um die Kontrollposten auf den Landstrassen zu entgehen, gibt es stets schwere Unfaelle, da man sich auf den Zugdaechern nur schwer festhalten kann. Hunderte von Menschen reisen so taeglich Richtung USA, Sonne und Regen, Hunger und Durst zum Trotz.

Luisa (Honduras), wurde auf dem Weg Richtung Norden ueberfallen und brutal zusammengeschlagen. Das ist leider alltaeglich hier an der Suedgrenze Mexikos. Nicht selten sind die Aggressoren keine einfachen Kriminellen, sondern Angehoerige der verschiedenen mexikanischen Polizeieinheiten. Korruption und Rassismus tragen dazu bei, dass die Migrant_innen als leichte Beute gesehen werden, und keinesfalls als gleichwertige Menschen, wovon sadistische Misshandlungen, sexualisierte Gewalt und der eiskalte Einsatz von Schusswaffen und Macheten gegenueber Zentralamerikaner_innen zeugen. Leider sehen wir in unserer Arbeit immer wieder, dass Anzeigen gegen Menschenrechtsverletzungen in den Aktenschraenken verstauben und der Menschenrechtsarbeit hier in der Region Grenzen gesetzt sind.