sábado, 6 de diciembre de 2008

VISUM

VISUM




Als Mexikaner_in legal in die Vereinigten Staaten einzureisen, ist kompliziert, kostspielig und diskriminierend. Doña Olga (meine Chefin und Ersatzmama) bekommt naechsten April den Unsung Heroes Award of Compassion des Dalai Lama in San Francisco verliehen. Sie hatte zwar schon mal ein Visum fuer die USA, aber das ist abgelaufen.


Zunaechst einmal muss man auf das Konto der US-amerikanischen Botschaft 150 Dollar einzahlen, um ueberhaupt einen Interviewtermin zu bekommen. Erste Diskriminierung: kein Geld, kein Interviewtermin. Dann ist es pro Person eine mind. einstuendige Prozedur, sich durch saemtliche Antragsformulare der Botschafts-Homepage durchzuarbeiten. Von Geburtsdatum ueber Steuerkartennummer zu Namen der Kinder. Inklusive daemlicher Fragen wie: „Waren Sie jemals Mitglied bei Al Quaida?“ und „Sind Sie jemals in die USA eingereist, um ein terroristisches Attentat auszufuehren?“. Dann darf man sich endlich einen Termin aussuchen und ein Ticket nach Mexiko Stadt kaufen. Ich selbst fand es ganz schoen anstrengend und muehevoll, mich fuer Doña Olga und ihren Mann da durchzuarbeiten, und ich bezweifele, dass jemand ohne viel Internetkenntnisse das hinkriegen koennte. Zweite Diskriminierung: wer nicht ausreichend Schulbildung mitbringt, kommt schon mal nicht in die Botschaft.


Doña Olga und Don Jordan sind gluecklich zurueckgekehrt.
(Allerdings ohne Visum in der Hand, denn das muss man einen Monat spaeter in der Hauptstadt des Bundesstaates im Konsulat abholen, noch eine Reise, noch mal Kosten...) Doña Olga hatte ja schon ein bisschen Erfahrung von ihrem frueheren Interviewtermin, so dass sie wusste, dass man so frueh wie moeglich auf der Matte stehen muss. Ihr Termin war um 10.30 Uhr, und als sie um 8 Uhr ankamen, waren schon 600 Leute da. In der Wartezeit konnten sie viel beobachten. Ein junger Mann wollte in sein Antragsformular schreiben, dass seine Mutter in den USA lebt. Doña Olga sagte, tu das nicht, wenn du Verwandte hast, lassen sie dich nicht rein, denn sie nehmen an, dass du bleibe willst. Viele Menschen verliessen verzweifelt und sogar wuetend das Interviewzimmer. Eine junge Frau weinte, denn ihr gesamte Familie bekam ein Visum, sie aber nicht. (Eine Freundin von mir ist Fotografin und wohnt in Satelite, einem der fettesten Stadtteil von Mexiko Stadt. Sie durfte nicht auf ihre eigene Ausstellung in die USA reisen, da angenommen wurde, sie koennte bleiben, als selbstaendige junge Singlefrau.)


Das Interview ist wie ein Verhoer aufgebaut, ernste Gesichter, Fragenstakkato, „Ja oder nein?“. Doña Olga wurde in Ruhe gelassen ab dem Punkt, als klar war, dass die Herberge ihr gehoert. Wer Besitz vorweisen kann, ist auf der Seite der Gewinner und hat Reisefreiheit. Jedenfalls fuer die naechsten fuenf Jahre darf Doña Olga in die USA, wann sie will. Nur die wenigsten, die interviewt werden, bekommen wirklich ein Visum. Allerdings: wird JEDER VOR dem Interview erkennungsdienstlich erfasst, bekommt Fingerabdruecke aller Finger abgenommen, wird von allen Seiten biometrisch fotografiert, saemtliche Personendaten werden gespeichert. D.h. die USA legt schon mal ein Personenregister an von allen potentiellen illegalisierten Einwanderern, die man eventuell spaeter mal in Riverside Downtown aufgreifen koennte. Und die Betroffenen duerfen das auch noch selbst bezahlen. Das gelobte Land stinkt.


Dass das traurigerweise schon immer so war, koennt ihr uebrigens in einem schoenen Film sehen. „Golden Door“ (oder „Nuovomondo“ im italienischen Original) erzaehlt die Geschichte einer italienischen Bauernfamilie und einer britischen Abenteurerin, die nach langer Ueberfahrt in Ellis Island stranden: dem Auslesealbtraum des 19. Jahrhunderts.

Fotos: Ciudad Juárez, Mexico, Grenze zu El Paso, Texas. Grenzsozialforum 2006.